Prof. Helmut Merkel, verantwortlicher Vorstand der Arcandor AG für Umwelt- und Gesellschaftspolitik spricht im Interview über Klimaschutz, Lieferanten-Audits und die soziale Verantwortung von Arcandor.
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Arcandor hat sich wie viele weltweit agierende Handelshäuser die Einkaufsdienste von Li & Fung in Hongkong gesichert. Warum? Ganz einfach: Wir konzentrieren uns zukünftig auf das eigene Produktdesign und die Sortimentierung unseres Warenkorbes, und Li & Fung wird uns die Beschaffungsdienstleistungen wie Einkaufsauftragsverfolgung, Qualitätssicherung, Lieferantenschulung, Fabrik-Einkauf und Finanzdienstleistungen erledigen. Das, womit wir uns im Wettbewerb noch wirklich differenzieren können, machen wir selbst, die Services kaufen wir kostengünstig beim Marktführer für Beschaffungsdienstleistungen ein. Li & Fung ist ein Partner, der langjährige Erfahrungen auf diesem Gebiet besitzt und diese Erfahrungen zu seiner Kernkompetenz zählt.
Solche Standards zu fordern, ist ja löblich. Aber wird ihre Einhaltung auch kontrolliert? Ja, wir haben dafür ein engmaschiges Netz geknüpft. Die Standards werden von mehr als 100 Mitarbeitern weltweit ständig überprüft. Sie kontrollieren beispielsweise den Arbeitsschutz, hygienische Bedingungen in den Fabriken und die Qualität der Unterkünfte. Das heißt, in der Zusammenarbeit mit Arcandor erfüllt Li & Fung die Anforderungen und Vorgaben unseres Social Compliance Teams.
Was verbirgt sich hinter diesem Fachbegriff? Das Team wacht über die Einhaltung sozialer Standards in unserem Unternehmen. Ihre Mitglieder überzeugen sich davon auch bei Besuchen vor Ort. Zu diesem Zweck haben wir Mitarbeiter in Ländern der wichtigsten Einkaufsmärkte stationiert, die direkt an den Vorstand berichten.
Arcandor lässt viele seiner Produkte nur von zertifizierten Unternehmen fertigen. Grundlage eines Zertifikats ist ein vorangegangenes Auditing. Wie funktionieren diese Audits? Und wie gewährleisten Sie, dass auch Ihre Lieferanten in Schwellen- und Entwicklungsländern soziale und ökologische Standards hochhalten? Wir haben ein dreistufiges Kontrollsystem entwickelt. Zunächst einmal werden alle Unternehmen einer Auditierung nach den BSCI-Spielregeln (Business Social Compliance Initiative, http://www.bsci-eu.org) durch unabhängige Stellen unterworfen. Dazu haben sich alle in der AVE (Außenhandelsvereinigung, http://ave-keln.de) bzw. in der FTA (Foreign Trade Association, http://fta-eu.org) organisierten Einzelhändler selbstverpflichtet. Das Ergebnis der Auditierung wird an die zentrale Datenbank der FTA weitergeleitet. Wir können so überprüfen, ob ein anderes Unternehmen den Lieferanten bereits einmal auditiert hat, oder ob er sich gerade in der Auditierung befindet. Li & Fung verfügt außerdem unabhängig von FTA durch langjährige Markterfahrung ebenfalls eine qualifizierte Einschätzung, auf die wir gerne zurückgreifen. Dieses Know-how wird mit jeder neuen Geschäftsbeziehung weiter ausgebaut.
Unterscheiden Sie die Kontrollen auch danach, wie eng Sie mit einem Lieferanten zusammenarbeiten – je enger, desto strenger? Sie können das auch so formulieren: Die erfolgreiche, enge Zusammenarbeit mit Lieferanten basiert auf dem Ergebnis ständiger Feedbackprozesse. Das Ganze ist ein Lernprozess für beide Seiten. Das beginnt mit der Auditierung nach BSCI (s.o.) durch unabhängige Prüfgesellschaften. Die Prüfer checken die Buchhaltung, besichtigen alle Fabrikräume, Kantinen und Schlafstätten, befragen Chefs genauso wie einzelne Arbeiter. Lieferanten, die in ihren Sozialstandards von unseren Vorgaben abweichen, erhalten die Chance, ihre Arbeitsbedingungen kontinuierlich zu verbessern. Das ist genau auch der Schlüssel zum Erfolg. Wir achten darauf, dass die Erkenntnisse aus den Feedbackprozessen auch umgesetzt werden.
Der CO2-Ausstoß kann nur lokal gesteuert werden. Die asiatischen Länder, wo wir überwiegend produzieren lassen, haben dieses Problem sehr wohl auch erkannt und arbeiten mit unterschiedlicher Geschwindigkeit an individuellen Lösungen. Wir arbeiten daran, dieses Thema im Rahmen der Auditierungen im Bewusstsein der Lieferanten zu verankern. Bei den Seeweg-Transporten erzielen wir auch heute schon gute Werte und das größte Warenvolumen wird auf dem Seeweg transportiert. In Deutschland sind wir an den Kaufhaus- und Distributionslagerstandorten große Energieverbraucher und sind bei Re-Investionen bemüht, ständige Verbesserungen zu erzielen. Wir arbeiten derzeit an einem detaillierten Maßnahmenkatalog.
Bei einer solchen „Transaktion“ ist jeder Mitarbeiter auch „Betroffener“. Rund 99 Prozent aller Mitarbeiter haben die durch Li & Fung unterbreiteten neuen Arbeitsverträge schon vor drei bis fünf Monaten unterschrieben. Für die jeweils lokalen Mitarbeiter in China, Indien, Indonesien, Bangladesh, Pakistan usw. hat sich dabei kaum was geändert – für die Expatriats haben sich in dem global aufgestellten Beschaffungsdienstleistungsunternehmen vielfach neue Karrierechancen ergeben.
Was unternimmt Arcandor, um bei Sublieferanten Kinderarbeit auszuschließen? Wir haben alle Lieferanten darauf verpflichtet, ihre Sublieferanten danach auszuwählen, ob sie unsere Sozialstandards erfüllen. Dazu gehören auch regelmäßige Schulungen. Wir überprüfen das, wie ich Ihnen schon sagte, mit regelmäßigen Audits.
Arcandor bezieht einen großen Anteil seiner Waren aus China. Was wird hier für den Umweltschutz getan? Wir können nicht den Umweltschutz in China reformieren, das muss man klar sagen. Die chinesische Regierung hat ganz aktuell zu mehr Anstrengungen bei den Lieferanten aufgerufen. Wir können dafür sorgen, dass unsere Partner dort umweltschonender produzieren. Dazu haben wir einen Handlungs- und Haltungskatalog, einen Code of Conduct entwickelt. Unsere Partner bestätigen durch ihre Unterschrift, dass sie dessen Bestimmungen beim Umweltschutz befolgen.
Nein, wir haben von Anfang an geholfen. Mit anderen Unternehmen (Steilmann, Scapino und der Cotton Group) zusammen haben wir mit „Friendship“, einer Non-Government Organisation (NGO) sofort Hilfe organisiert und Opfern und Hinterbliebenen geholfen. Dazu gehören auch Zahlungen für Medikamente.
Seit der Treuhandfonds eingerichtet ist (was nahezu zwei Jahre gedauert hat), beteiligen wir uns auch daran. Daraus werden Unglücksopfer und ihrer Familien entschädigt. Sie sollen die Betroffenen in die Lage versetzen, wieder eigenständig für ihren Lebensunterhalt aufkommen zu können. Hilfe zur Selbsthilfe, das kann in dem einen Fall eine kleine Näherei, in einem anderen ein Stück Land oder Kühe sein.
Sind das Unglück in Bangladesch und der Treuhandfonds ein Präzedenzfall für andere Länder? Nein, denn wir können Arbeits- und Lebensbedingungen nicht über einen Kamm scheren. In jedem Land müssen wir örtliche Verhältnisse und Kulturen berücksichtigen, um angemessen und plausibel reagieren zu können.
Mal abgesehen von dem akuten Fall: Was tut Arcandor zur nachhaltigen Verbesserung der Arbeitsbedingungen in Bangladesh? Wir sagen allen, mit denen wir dort zu tun haben – Politikern, Behörden, Gewerkschaften, Unternehmensverbänden und Nichtregierungsorganisationen – sehr deutlich, wie wichtig uns dieses Thema ist. Schließlich wirken wir ja durch die Auditierung auch permanent auf die Verbesserung der Arbeitsbedingungen ein. Ich bin sicher, dass unsere Gesprächspartner verstanden haben, dass wir gemeinsam die Situation deutlich verbessern müssen. Andernfalls riskiert das arme Land empfindliche Einbußen in seiner wichtigsten Exportindustrie. Mein Eindruck ist: Weil wir uns schon seit langem bei diesem Thema engagieren, werden wir als vertrauens- und glaubwürdige Partner wahrgenommen.
Es ist unser Ziel, den Finger am Puls der Zeit zu haben und uns auf das vorzubereiten, was in der Modewelt als Nächstes kommt. Nur so können wir uns differenzieren. Trends werden sofort in eigene Kollektionen umgesetzt und wir erhalten damit die notwendige Geschwindigkeit, um mit Marken wie Zara und H&M mitzuhalten. Die enge Zusammenarbeit von Trendscouts, Designern, Lieferanten und insbesondere mit Li & Fung, der für Schnitte und Kollektionen schnell das Material und die Hersteller organisieren kann, geben uns einen Zeitvorsprung. Mode ist ein schnelllebiges Geschäft. Der Kunde möchte nicht warten. Mit dem ersten Designzentrum in Hongkong stellen wir uns für die wechselnden Launen des Modemarkts gut auf. |